The Platform Parable

Es gab ja mal eine Zeit in der ich mich gar nicht dafür interessiert habe, ob meine Spiele auf einem PC oder auf einer Konsole laufen. Wichtig war, dass sie überhaupt liefen und ich mich den virtuellen Welten hingeben konnte, wann immer sich die Zeit dazu fand. Auch wichtig war, hin und wieder mit guten Freunden abzuhängen und einen gepflegten Shootout auf der Konsole mit überschwänglichem Konsum von alkoholhaltigen Flüssigkeiten zu paaren.

Irgendwann, nachdem ich mich jahrelang mit parallelen Konsolenkäufen und PC Upgrades in den Ruin getrieben habe, formte sich in meinem Kopf die spieletechnische Weltanschauung, dass die Konsolen nur dazu da sind den Leuten das schwerverdiente Geld aus der Tasche zu ziehen. Ich fand damals die Preispolitik beim Kauf von neuen Spielen sehr unverhältnismässig im Vergleich zum Produkt, das ich danach auf der Konsole geniessen kann. Kurz: Konsolenspiele sind viel teurer als PC-Spiele, haben die schlechtere Grafik und können wegen den Gamepads nur eingeschränkt gesteuert werden. Ich habe also meine damalige Konsole, eine Xbox der ersten Generation, zusammen mit allem Zubehör eingemottet und im Schrank verstaut. Mein PC wurde von da an mit doppeltem Elan aufgerüstet und musste über Jahre hinweg alle Spiele und Betriebssysteme schlucken, die der Markt so hergab. Ich wurde in kürzester Zeit zu einem Verfechter der Antikonsolenbewegung, der sich höchstens einmal dazu herabliess ein Gamepad in die Hand zu nehmen, wenn ich bei guten Freunden einen Abend mit Genussmitteln, Spielen und grossen Bildschirmen im Wohnzimmer verbrachte.

Nach mehreren Jahren, in denen ich dem PC-Spielertum gefrönt habe, bemerkte ich eines schönen Tages, dass ich die Welt der Spiele falsch sehe. An diesem Tag habe ich mich wieder einmal so extrem über meinen PC geärgert, dass er fast den Vögeln im Baum vor meinem Haus Gesellschaft geleistet hat. Es wollte mal wieder eine der Steckkarten partout nicht mit ihren Treibern sprechen. Oder aber der Treiber wurde in zu kurzer Zeit und von billigen Vollhonks programmiert, so dass es auf jeden Fall noch Gewinn abwirft, die Hardware zu verkaufen. Was es genau war, weiss ich nicht mehr. Ich weiss aber noch, dass ich resigniert vor meinem Bildschirm sass und im Kopf all die bösen Dinge durchging, die mir meine PCs in den vergangenen Jahren angetan haben. Dazu zähle ich die eben erwähnten Treiber, Windows Vista, Direct X, USB 1.0, ATI, äh nein Nvidia, äh nein doch ATI, …und Nvidia, AMD, Intel, Asus Mainbords, Soundkarten von CREATIVE und/oder TerraTec, mein Joystick der mitten im Spiel den Geist aufgibt und vieles mehr. Jeder, der schon mal auf dem PC über längere Zeit gespielt hat, weiss sehr wahrscheinlich von was ich schreibe. Dies war übrigens zu der Zeit, in der immer mehr Spiele nur noch auf Konsolen rauskamen und die Stimmen, die den Untergang des PCs als Spieleplattform besangen, immer lauter wurden.

Ich sass also da vor meinem PC mit dem geistigen Scherbenhaufen meiner spieltechnischen Weltanschauung im Kopf und wusste nicht weiter. Was macht man als passionierter Gamer in einer solchen Situation? Man kittet den Scherbenhaufen neu zusammen und kauft sich eine Konsole. Nur leider ist damals beim Zusammenkitten irgendwas schiefgelaufen. Ich mutierte danach zum reinen Konsolenspieler und habe jedem, der sich auf eine Diskussion mit mir einliess, erklärt warum die Konsolen sooooo hip sind und sich der PC sowieso schon lange auf dem Weg nach draussen befindet. Ein eiliger Leser wird jetzt annehmen, dass ich eine sehr sprunghafte Persönlichkeit besitze und mich gerne mit der Mehrheit, wie ein Blatt im Wind, bewege. Das mit der sprunghaften Persönlichkeit kann ich ja noch annehmen, das andere muss ich aber entschieden von mir weisen. Immerhin bin ich der Typ, der sich vor nicht allzu langer Zeit ein Android-Handy gekauft hat während dem sich alle anderen mit dem neuen iPhone 4 eingedeckt haben, aber das ist eine andere Geschichte und wird eventuell ein anderes Mal erzählt. Ich sass also da und spielte mit meiner neuen Playstation 3. Ich spielte viel und hatte jede Menge Spass. Plötzlich merkte ich, dass ich auch gerne mal den einen oder anderen exklusiv Titel der Xbox 360 spielen würde (Langfassung). Ich besass also plötzlich zwei Konsolen und einen PC, der zwar mal für das Gamen konzipiert und aufgebaut wurde, aber mittlerweile zum reinen Speichermedium für Fotos, Filme, Leben und Arbeiten verkam. Gespielt hatte ich auf dem PC schon sehr lange nicht mehr.

Ich war glücklich, mein Weltbild stimmte mit meiner Hardware überein und sonst passte auch alles perfekt. Meine Hände nahmen, in ihrem entspannten Zustand, langsam aber sicher die leicht gebogene und nach vorne gerichtete Haltung an, die sie auch bei Gebrauch eines Gamepads haben. Mein Sitzleder wurde dicker und mit der Zeit entstand eine sehr bequeme Gamerdelle im Sofa wo ich mich jeweils reinsetze wenn ich spiele. Ich könnte auch schwören, dass der kleine Salontisch vor dem Sofa irgendwie in der Höhe geschrumpft ist, so dass meine Beine jetzt die perfekte, bequeme Höhe haben um sie bei längeren Sessions entspannt darauf ablegen zu können. Die ganze Umgebung meines Spielzimmers hat sich also irgendwie an mich und meine neu zusammengekittete Weltanschauung angepasst. Das war ein sehr wohliges Gefühl. Aber eben, es war…

Vor einigen Wochen kam dann der Frontalzusammenstoss mit einer kleinen Software, die nur durch das teuflische Internet überhaupt eine Plattform zur Verbreitung gefunden hat. Die Rede ist von „The Stanley Parable“ einem Mod für Half-Life 2 das sich ganz fies von hinten an mich ran geschlichen hat, eine Zeitlang meine Twitter Timeline gekapert hat und sich danach in meinem Kopf gleich neben dem schön zusammengekitteten Weltbild der Spiele eingenistet hat. Eines schönen Tages, nachdem es sich von den Strapazen der Reise erholt hatte, hat es einen Hammer genommen und das ganze schöne Weltbild erneut dem Erdboden gleichgemacht.

Ich sass also wiedermal in meinem Spielzimmer vor dem laufenden PC, im Kopf erneut einen Scherbenhaufen und daneben ein triumphierendes „The Stanley Parable“ das hammerschwingend und lauthals lachend hin und her springt. Der Salontisch in meinem Rücken gibt ächzende Geräusche von sich als er beginnt seine Beine wieder zu strecken, das Sofa macht Kaugeräusche, weil es verzweifelt versucht die bequeme Gamerdelle mit dem Material des Sofakissen aufzufüllen und meine Hände schmerzen von der unnatürlichen Haltung am PC.

Das war der Zeitpunkt in dem mein Scherbenhaufen in Flammen aufging und sich aus der Asche eine wunderschöne neue Spieleweltanschauung erhob. Es gibt gar kein Grund, für oder gegen PCs oder Konsolen zu sein. Jede Plattform hat ihre eigenen Vor- und Nachteile und jede spielende Person darf sich selber entscheiden auf welcher Plattform sie was spielen und geniessen will. Ausnahmen sind natürlich die exklusiven Titel, aber jede Medaille hat ja bekanntlich zwei Seiten, jede Regel ihre Ausnahmen und jedes Gesetz kann gebrochen gebeugt werden.

Mods wird es auch in Zukunft mit grösster Wahrscheinlichkeit nur auf dem PC geben und auch wenn sonst fast keine Spiele mehr existieren, die exklusiv für den PC erscheinen, so hat er nur schon durch solche grandiosen Mods wie „The Stanley Parable“ eine Existenzberechtigung als Spieleplattform. Die ganze Diskussion rund um Steuerungsmöglichkeiten, Grafikqualität und Raubkopien will ich jetzt hier gar nicht erst beginnen. Fakten sind: Es gibt Konsolen und die sind super. Es gibt den PC und der ist auch super. Es gibt Valve, die uns solch geniale Spiele wie Half-Life 2 bescheren, welches auch heute noch als Basis für Mods benutz wird und geniale Produkte wie „The Stanley Parable“ hervorbringt. Es gibt Valve, die Portal 2 herausbringen, das erstmals auf dem PC und auf der Playstation im coop gespielt werden kann. Und es gibt Valve, die uns irgendwann mal Half-Life 3 bringen. Ihr anderen Grafikhuren, Innovationsbremsen und Gewinnmaximierer, nehmt euch mal ein Beispiel! An alle Grabenkämpfer unter den Gamern, kommt mal hinter euren Konsolen und PCs hervor, hört auf mit Exkrementen zu werfen und reicht euch die (gewaschenen) Hände!

Mein Kopf, das Sofa, der Salontisch und mein PC tanzen seit neustem zusammen, von goldenem Licht eingehüllt, im Spielzimmer umher und halten sich an den Händen Ecken. Die neue Spieleweltanschauung hat es sich richtig gemütlich gemacht und wir verstehen uns prächtig.

Leben und leben lassen, so lautet die Devise.

Veröffentlicht von

keats

keats spielt, liest, hört und lebt auch sonst noch...

2 Gedanken zu „The Platform Parable“

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